Muzeum Susch › Permanent Installations › Piotr Uklański

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Piotr Uklański

Real Nazis (2017)
Untitled (Story of the Eye, 2013)

‘Der berüchtigte Nazi Hanns Johst sagte einmal, dass er, wann immer er das Wort ‘Kultur’ hörte, nach seiner Waffe griff. Jedes Mal, wenn ich das Wort ‘Nazi’ höre, denke ich an Stefan Grzelak, der im SS-Arbeitslager Friedrichshafen inhaftiert war. Er war mein Großvater’, erklärte Piotr Uklański zu Real Nazis(2017): die 2017 fertiggestellte Serie von 203 Fotodrucken, die permanent in einem eigens dafür geschaffenen Raum im MUZEUM SUSCH ausgestellt ist.

Im Jahr 1998 schuf Uklański mit The Naziseine thematisch visuelle Zusammenstellung von 164 Fotografien von Schauspielern, die als Nazis in verschiedenen Filmproduktionen auftraten - von Marlon Brando und Michael Caine bis zu Anthony Hopkins, Clint Eastwood und Donald Pleasence. Diese Fotografien wurden zunächst in London und Warschau präsentiert und anschliessend 2002 in die Ausstellung Mirroring Evil des Jüdischen Museums in New York aufgenommen. The Nazis sorgten für Kontroversen und Debatten über die Geschichte, deren vermittelte Repräsentation sowie unvermeidlich die Bilder des NS-Regimes: Die Art, wie Grausamkeit, Autorität und Unterwerfung - einschließlich fetischistischer und homoerotischer Komponenten - in den Uniformen von Wehrmacht und SS verschmolzen wurden. ‘Es geht um die Macht der Kostüme und der Kostüme der Macht’, sagte Uklański.

Zwei Jahrzehnte später vollendete der Künstler Real Nazis: eine Porträtgalerie von mehr als 200 Personen, die im Zweiten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft hatten. Dieses Projekt, als Uklańskis Beitrag zur documenta 14konzipiert, wurde in der Neuen Galerie in Kassel ausgestellt, in direkter Nachbarschaft zu einem Werk von Joseph Beuys, das dort permanent installiert ist, und dessen Foto wiederum in der Serie auftaucht. Uklański versucht jedoch weder, den Mythos dieser Schlüsselfigur in der europäischen Kunst der Nachkriegszeit zu zerstören (der auf seine Erfahrungen in den Luftstreitkräften als Anstoß für seine zukünftige künstlerische Praxis zurückgreift), noch die unheimliche Ähnlichkeit der Gesichtsausdrücke dieser tatsächlichen Nazis zu denen der Schauspieler aus seiner früheren Serie zu untersuchen. Vielmehr war dieses Projekt die Antwort des Künstlers auf die zunehmende Popularität rechtsextremer Bewegungen in ganz Europa, vor dem Hintergrund der Bemühungen – offiziell oder anderweitig - die Verbreitung von Bildern der an den Gräueltaten Beteiligten zu verbieten. Die überwältigende Präsenz dieser 203 Gesichter in Real Nazishebt hervor, in welchem Ausmass sich das moderne visuelle Damnatio Memoriae - die Auslöschung von Individuen aus dem kollektiven Gedächtnis durch die Abschaffung ihrer Repräsentation – ausgedehnt hat und dazu geführt hat, dass die wahren Ähnlichkeiten durch fiktionalisierte, in der Sphäre der Populärkultur erfundene und verbreitete, ersetzt wurde – wie in The Nazis dokumentiert.Uklańskis «Mauer der Schande»wirft auch eine dunkle Frage auf: Kann man den Charakter einer Person aus ihrem Aussehen ableiten? Eine Frage, deren physiognomische Grundlagen speziell vom NS-Regime selbst diskreditiert wurden.

Neben dem Eingang des Raumes plaziert ist Uklańskis Untitled (Story of the Eye) (2013): Eine großformatige Skulptur in Form eines Auges aus gefärbtem Seil, Faser, Makramee und Stickerei. Das Auge - und damit der Blick - ist ein wesentlicher Bestandteil der Kunst und unseres Verständnisses ihrer Geschichte. Mit dem unheimlichen Augapfel, der über dem Boden schwebt und dessen Blick auf das Namensverzeichnis der in Real Nazisabgebildeten Namen gerichtet ist, werden zwei Interpretationen der historischen Ordnung von Uklański im Museum miteinander konfrontiert.



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