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SUSCH
ARCHITEKTUR
„Die Architektur ist eine Non-Ego-Architektur, die mit der Landschaft und den Zwischenräumen arbeitet, um einen selbstverständlichen Ort für Kunst zu schaffen“, sagt Chasper Schmidlin, der Muzeum Susch gemeinsam mit Lukas Voellmy gestaltet hat.
Das Muzeum ist Teil eines Gebäudensembles, das sich in das historische Dorf am Fuss des Flüelapasses einfügt, statt es zu dominieren. Die Architektur des Muzeums ist keine neutrale Präsentationsfläche für die Kunst, sondern sie ist integraler Bestandteil der Identität der Institution. Historisches Mauerwerk, in den Berg eingelassene Galerieräume, freigelegter Fels und fliessendes Wasser machen aufeinanderfolgende Zeitschichten sichtbar und lassen historische Spuren über das gesamte Gelände hinweg erfahrbar werden. Die materielle Präsenz der Natur, innerhalb wie ausserhalb des Muzeums, erinnert beständig an das Kontinuum der Zeit, in dem wir existieren.
Zwischen 2015 und 2018 arbeiteten die Architekten Schmidlin und Voellmy in engem kontinuierlichem Dialog mit Grażyna Kulczyk, der Gründerin des Muzeums, Initiatorin und visionären Kraft hinter dem Projekt – einer erfahrenen Erbauerin. Gemeinsam schufen sie aus der Gruppe von ehemals historisch verbundenen Gebäuden in neues zusammenhängendes Ganzes, einen Ort, in dem sich Vorstellungen von möglichen Zukünften entfalten können. Die erhaltenen Bauten des mittelalterlichen Klosterkomplexes – darunter ein ehemaliges Pfarrhaus, ein Hospiz und ein Wirtschaftsgebäude – wurden ebenso wie die im 19. Jahrhundert erbaute Brauerei in eine neue visuelle und funktionale Beziehung zueinander gesetzt. Während des gesamten Entwurfs- und Bauprozesses wurde das Programm des Muzeums konzipiert und kontinuierlich weiterentwickelt; zugleich wurden weitere Gebäude in das Projekt integriert.
Das Ensemble des Muzeums ist geschichtlich und landschaftlich wertvoll und steht unter kantonalem Denkmalschutz. Die historische Bausubstanz wurde sorgfältig restauriert, während der grösste Teil der zusätzlichen Räume durch Eingriffe in den Berg geschaffen wurden. Unterhalb und neben den bestehenden Gebäuden wurden neue Galerien aus dem massiven Fels herausgearbeitet. Die erste Bauphase umfasste mehr als ein Jahr kontrollierter Sprengungen und Abtragungen, bei denen rund 10.000 Tonnen des lokalen Amphibolits entfernt wurden. Ein Teil des abgetragenen Gesteins wurde zerkleinert und in verwandelter Form wieder in die Architektur eingebracht. Vermischt mit lokalem Flusssand des Inn, wurde es zu einem Bestandteil der polierten Terrazzoböden in den Galerien; weitere Fragmente wurden in die Trockensteinmauern ausserhalb des Muzeums eingefügt. So bleibt der Stein als Material in einer Architektur präsent, die doch erst möglich wurde durch die Entfernung des Gesteins. Zusammen bieten die restaurierten Gebäude und die neu aus dem Fels herausgearbeiteten Räume rund 1.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche.
Ein unterirdischer Gang unter der Strasse verbindet die Bieraria Veglia – den ältesten erhaltenen Teil des ehemaligen Klosterkomplexes, der später als alte Brauerei genutzt wurde – mit der Bieraria, dem im 19. Jahrhundert errichteten Brauereigebäude. Damit wird ein funktionaler Weg wiederhergestellt, der während des Brauereibetriebs genutzt wurde, als Bierfässer zwischen den beiden Gebäuden transportiert wurden. Heute ist dieser Weg Teil des Besuchserlebnisses: Der Zugang zum Museum folgt keiner monumentalen Geste, sondern führt unter die Erde, hinein in den Berg. Wasser fliesst frei über die offenen Felsformationen, auf denen sich Sedimente verfärben und allmählich jene Strukturen bilden, die die Besucher*innen beim Betreten des Muzeums empfangen. Die mineralischen Spuren zeichnen den Lauf der Zeit nach und stimmen auf die langsame Annäherung ein, die den Besuch prägen soll. Eine natürliche Felsgrotte und die ehemaligen Kühlräume der Brauerei bewahren die sicht- und hörbare Präsenz des Wassers, auch jenseits des Tunnels. Indem das Wasser über den freiliegenden Fels fliesst, hält es den Berg im Inneren des Gebäudes in Bewegung. Fels, Wasser und materielle Spuren machen Zeit greifbar und fördern jene aufmerksame, unbeschleunigte Begegnung mit der Kunst, für die Muzeum Susch konzipiert wurde.
19. Januar 2019 : MUZEUM SUSCH @ the Met
In Our Time: A Year of Architecture in a Day
Film : Aesop
Muzeum Susch wird grundlegend geprägt von einer Reihe von permanenten Installationen internationaler zeitgenössischer Künstler*innen, die im Muzeum realisiert wurden, um mit der Architektur und der eigenwilligen Struktur des Ortes in einen Dialog zu treten. Die dauerhaft installierten Werke wurden entweder eigens für ihren jeweiligen Standort und im Hinblick auf diesen entwickelt oder – in Erweiterung des allgemeinen Verständnisses ortsspezifischer Arbeiten – mit eigens für bereits bestehende Kunstwerke entworfenen und massgeschneidert gebauten Räumen in Beziehung gesetzt. Die permanenten Installationen tragen dazu bei, den sich wandelnden Charakter und die räumliche Anordnung des Muzeums zu betonen. Diese Werke nehmen die Architektur nicht einfach in Anspruch, sondern bringen sie zum Vorschein und stimmen sie neu ab. Jede der permanenten Installationen trägt zur fortlaufenden Entwicklung des Charakters und der unverwechselbaren räumlichen Ordnung des Muzeums bei und schafft eine eigene Choreografie zwischen den Gebäuden, den Kunstwerken und den jeweils gezeigten Wechselausstellungen.
Ebenso wesentlich für das Projekt ist die Landschaftsarchitektur von Günther Vogt. Terrassierte Mauern modellieren den Hang rund um das Muzeum und stärken die Beziehung zwischen den Gebäuden, dem Dorf und der umgebenden alpinen Landschaft. Lokale Flusssteine unterschiedlicher Farben und Texturen, in Platten verschiedener Grössen und Stärken geschnitten, sind in dunkle Natursteinmauern eingefügt. Gemeinsam sollen sie ein materielles Archiv der Geologie des Ortes bilden – eine Landscape Library, eine Landschaftsbibliothek. Das Konzept vereint zwei Elemente: einen Rückzugsort abseits der lebendigen Atmosphäre des Museums und die Präsentation von Naturgeschichte. Zugleich ergänzen die Mauern die Architektur, heben die Erweiterung der Klostergeschichte hervor und definieren den Muzeumskomplex als zusammenhängendes Ganzes.
Muzeum Susch entwickelt sich durch neue permanente Installationen, Wechselausstellungen und die sich verändernden Beziehungen zwischen den Werken und ihren jeweiligen räumlichen Kontexten kontinuierlich weiter. Die Architektur bleibt ein aktiver Rahmen statt eines abgeschlossenen Denkmals: aufmerksam gegenüber dem, was vorausging, und zugleich offen für zukünftige Deutungen und Nutzungen.
Muzeum Susch wurde in der internationalen Architekturpresse breit diskutiert. Im Mittelpunkt standen insbesondere die Verbindung von historischer Bausubstanz, zeitgenössischer Kunst und alpiner Geologie sowie das Erlebnis, das Muzeum durch einen Weg in den Berg hinein zu betreten.
WEITERFÜHRENDE LEKTÜRE
Die Architektur und die intellektuellen Grundlagen der Institution werden ausführlich in Muzeum Susch: Alpine Laboratory behandelt (herausgegeben von Jennifer Higgie und erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König). Die Publikation vereint Essays, Gespräche und literarische Texte der Autor*innen Alice Rawsthorn, Chasper Schmidlin, Mareike Dittmer, Brian Dillon, Kirsty Bell, Paweł Goźliński, Chloe Aridjis und Siri Hustvedt. Hinzu kommen Architekturfotografien von Hélène Binet und Zeichnungen von Marek Lamber (letztere basierend auf den Plänen von Schmidlin und Voellmy).
Wie Higgie schreibt: „Dies ist eine Geschichte der Ausgrabungen: nicht nur von Fels und Erde, sondern auch von Geschichte, Folklore und Architektur; von den vielfältigen Ideen und Impulsen, die Künstler*innen dazu inspirieren, ihre einzigartigen Werke zu schaffen.“
AUSGEWÄHLTE ARTIKEL UND REZENSIONEN
- Oliver Wainwright, „Back to the art cave! Inside Switzerland’s magical new gallery“, The Guardian, 22. Januar 2019
- „A new underground museum tunnels through the Swiss Alps“, The Architect’s Newspaper, 10. Januar 2019
- Alice Bucknell, „This Mountainous Swiss Monastery Has Transformed Into a Contemporary Art Museum“, Architectural Digest, 11. Februar 2019
- Ellen Hancock, „Chasper Schmidlin and Lukas Voellmy discuss the design process for Muzeum Susch, a gallery built deep into the Swiss Alps“, Archinect, 25. Januar 2019
- Ellie Stathaki, „Switzerland’s Muzeum Susch opens in a redesigned rural monastery“, Wallpaper*
ARCHITEKTURPREISE UND AUSZEICHNUNGEN
Im Februar 2020 gewann Muzeum Susch die Leser*innenwahl von Swiss-Architects zum Building of the Year 2019, nachdem es im Mai 2019 als Building of the Week ausgezeichnet worden war. Das Projekt wurde zudem in die Endauswahl für den ECOLA Award 2018/2019 aufgenommen.
Auch international fand das Muzeum Anerkennung: Es wurde in die Auswahl der World’s Greatest Places 2019 des Magazins TIME aufgenommen und gehörte damit zu 100 weltweit ausgewählten Reisezielen.
In Oliver Wainwrights 2019 im Guardian veröffentlichter Auswahl The Best Architecture of the 21st Century belegte das Muzeum Platz 23.
Darüber hinaus kam Muzeum Susch in die engere Auswahl als einer von drei europäischen Kandidaten für den New Cultural Destination Award 2020. Art Stations Foundation CH / Muzeum Susch und Grażyna Kulczyk wurden ausserdem als European Cultural Investor of the Year 2019 ausgezeichnet.
Weitere Architekturkritiken und Artikel über Muzeum Susch finden Sie im Archiv auf unserer Website.