Muzeum Susch

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EXHIBITION

Birgit Jürgenssen:

Rupture

Kuratiert von Gabriele Schor

Co-Kuratorin Natascha Burger

 Offizielle Eröffnung: Dezember 2026

Birgit Jürgenssen, Self-portrait with Mask (Selbstporträt mit Maske), 1974, b/w photograph, 40 x 30 cm. Private collection, Vienna © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Vienna, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter
Birgit Jürgenssen, Selbstporträt mit Maske, 1974, Schwarz-Weiss-Fotografie, 40 x 30 cm. Private collection, Vienna © Nachlass Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hubert Winter

Be very creative, refuse your role 

 Birgit Jürgenssen

Mit der umfassenden posthumen Retrospektive von Birgit Jürgenssen (1949–2003) zeigt das Muzeum Susch die erste Ausstellung der österreichischen Avantgarde-Künstlerin in der Schweiz und präsentiert ihr vielschichtiges und vorausschauendes Werk, welches vier Jahrzehnte umfasst.

Jürgenssen war eine der herausragenden Künstlerinnen, die in den 1970er-Jahren begannen, starre Klischees aufzubrechen, kulturelle Konstruktionen zu demontieren und mit ihrer Kunst scharfsinnig auf gesellschaftliche Diskurse zu reagieren. “Be very creative, refuse your role.” war einer ihrer Leitsprüche. Bereits 54-jährig verstorben, hinterliess die Künstlerin ein unglaublich dichtes Oeuvre, welches sie als permanent Denkende und Arbeitende enthüllte.

Portrait of Birgit Jürgenssen in her studio, 1977/78, b/w photograph, 18 x 24 cm © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Vienna, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Portrait von Birgit Jürgenssen in ihrem Atelier, 1977/78, S/W-Fotografie, 18 x 24 cm. © Nachlass Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hubert Winter.

Jürgenssens vielschichtiges Verwandlungsgeschick und ihr subversiver Humor durchdringen in ihren Arbeiten Fragen der Identität, der Maskerade, der gesellschaftlich bedingten Geschlechterverhältnisse und der zwischenmenschlichen Beziehungen. Metamorphosen und variantenreiche Transformationen knüpfen an die surrealistische Faszination der Anverwandlung vom Menschen zum Tier an und zeigten Jürgenssens Verbindung zur und Inspiration aus der Natur, sowie ihre dringlichen Versuche, sich von sozialen Zwängen zu befreien. Das facettenreiche Werk widersetzt sich einer eindimensionalen Einordnung in tradierte Kunstgattungen. Jürgenssen war es wichtig, losgelöst von akademischen Regeln und Bildkonventionen frei zu experimentieren, anstatt eine wiedererkennbare Handschrift zu etablieren und sich selbst – und damit ihre Kunst – einengen zu lassen. Ihr eigenwilliges Œuvre umfasst eine Vielzahl an Zeichnungen und experimentellen Fotografien. Daneben waren Malerei, Skulptur und Video wichtige Medien, um ihrem unerschöpflichen Ideenreichtum Ausdruck verleihen zu können.

Birgit Jürgenssen, Untitled, 1978, pencil and colored pencil on paper, 92 x 122 cm.  Grazyna Kulczyk Collection © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Vienna, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter
Birgit Jürgenssen, Ohne Titel, 1978, Bleistift und Farbstift auf Schoellerhammer Büttenkarton, 92 x 122 cm. Sammlung Grażyna Kulczyk © Nachlass Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hubert Winter

Die Kamera – als ständige Begleiterin und bis zuletzt ihr wichtigstes Ausdrucksmittel – verhalf Jürgenssen zur inneren und äusseren Reflexion „über den Blick und das Unsichtbare“, wie sie es formulierte. Der (eigene) weibliche Körper wurde in ihren Arbeiten konstant zur Bild- und Projektionsfläche – fragmentiert und fetischisiert. Die Verzweiflung, sich von starren Klischees zu lösen, verarbeitete sie in ihren feinen Zeichnungen sowie in ihren provokativen Fotografie-Serien. Dabei stand die Künstlerin immer selbst vor und hinter der Kamera und wurde zugleich zur Beobachterin und Beobachteten.

Birgit Jürgenssen, Housewives' Kitchen Apron,  1975, b/w photograph on baryta paper, diptych,  50 x 40 cm each © Estate Birgit Jürgenssen  / Bildrecht Vienna, 2026; Courtesy Galerie Hubert  Winter
Birgit Jürgenssen, Hausfrauen-Küchenschürze, 1975, Schwarz-Weiss-Fotografie auf Barytpapier, Diptychon, je 50 x 40 cm © Nachlass Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hubert Winter

Stoffarbeiten nannte die Künstlerin eine faszinierende Werkphase träumerischer Bildfindungen, welche in den späten 1980er- und frühen 90er-Jahren entstanden. Fotografien, Solarisationen und Mehrfachbelichtungen wurden in cineastischen Bildsequenzen zusammengesetzt und – mit Gaze umhüllt – als verführerische Kompendien präsentiert, die ihr Geheimnis verschleierten und damit, wie so oft bei Jürgenssen, den Sehsinn sowohl ablenken als auch einmal mehr herausfordern sollten. In dem komplexen fotografischen Werk zeigte sich Jürgenssens Interesse und Wissen um Konstruktivismus und Formalismus, um surreale Ikonographie und Experimentierfreudigkeit. Unberechenbar und informiert bewegte sich Jürgenssen in ihrer Zeit und hinterliess uns mit scheinbar eleganter Leichtigkeit ein Œuvre, welches in seiner Radikalität bis heute erschreckend aktuell geblieben ist.

Birgit Jürgenssen, Saddle with Phallus (Sattel mit Phallus), 1976, fabric, stuffed textile, leather, 35 x 30 x 40 cm. Grazyna Kulczyk Collection © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Vienna,  2026; Courtesy Galerie Hubert Winter
Birgit Jürgenssen, Sattel mit Phallus, 1976, Stoff, gefülltes Textil, Leder, 35 x 30 x 40 cm. Sammlung Grażyna Kulczyk © Nachlass Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hubert Winter

Die Retrospektive umfasst etwa 150 – teils ungesehene – Arbeiten. Jürgenssens, wie sie es fasste, „wildes Denken“ und ihre „Kunst aus dem Zwischenreich“ werden nicht streng chronologisch ausgestellt; vielmehr sind die zwölf aufeinander folgenden Ausstellungsräume thematisch und in Wechselwirkung zueinander gegliedert, um Jürgenssens heterogenes Werk zu erschliessen.

Kuratiert von Gabriele Schor (Gründungsdirektorin SAMMLUNG VERBUND, Wien) und co-kuratiert von Natascha Burger (Leiterin des Estate Birgit Jürgenssen, Wien) bringt die Ausstellung Werke aus der Sammlung der Gründerin des Muzeum Susch, Grażyna Kulczyk, der SAMMLUNG VERBUND, Wien, dem Estate Birgit Jürgenssen und aus den Sammlungen privater Leihgeber*innen zusammen.

Begleitend erscheint eine umfangreiche gleichnamige Publikation im Hatje Cantz Verlag mit Essays von Christian Alandete, Natascha Burger, Raphael Gygax, Fumina Hamasaki, Stefanie Hessler, Grażyna Kulczyk, Marta Papini, Gabriele Schor und Agnieszka Sosnowska.

Birgit Jürgenssen, Pregnant Shoe (Schwangerer Schuh), 1976, leather, wood, tulle, lace, 25 x 10 x 18 cm © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Vienna, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter
Birgit Jürgenssen, Schwangerer Schuh, 1976, Leder, Holz, Tüll, Spitze, 25 x 10 x 18 cm © Nachlass Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Hubert Winter

Birgit Jürgenssen (1949–2003) wurde 1949 in Wien geboren. Bereits als Achtjährige vereinte sie in einem Schulbuch ihren Namen mit dem des spanischen Meisters zu „BICASSO Jürgenssen“ und beginnt 1963 zu fotografieren. Nach ihrer Matura 1967 folgt ein mehrmonatiger Aufenthalt in Paris. Anschließend wurde Jürgenssen in die Meisterklasse für Grafik von Prof. Franz Herbert an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien aufgenommen, die sie 1971 abschließt. 1975 nimmt sie an der von VALIE EXPORT kuratierten Ausstellung „MAGNA – Feminismus, Kunst und Kreativität“ teil. Drei Jahre später zeigt die Künstlerin ihre erste institutionelle Einzelausstellung „Lineaturen“ in der Albertina in Wien. 1981 wird die erste Ausstellung „10 Tage 100 Fotos“ in der Galerie Hubert Winter eröffnet, aus welcher eine anhaltende Zusammenarbeit entsteht. Ein Jahr später beginnt Birgit Jürgenssen ihre Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenden Künste in der Meisterklasse Arnulf Rainer, wo sie das Fach Fotografie etabliert und bis an ihr Lebensende unterrichtete. Im Laufe ihres insgesamt über 40-jährigen Schaffens wirkt die Künstlerin in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen mit, darunter 1998 die Retrospektive „Früher oder Später" im Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz sowie die Kuration des österreichischen Beitrags der 8. Internationalen Biennale in Kairo. Birgit Jürgenssen verstirbt am 25. September 2003 in Wien.

Gabriele Schor studierte Philosophie an der Universität Wien und der University of California in San Diego. Sie arbeitete in der Tate Gallery in London, war Kunstkorrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung und lehrte Kunstkritik an Universitäten in Österreich. Im Jahr 2004 wurde Gabriele Schor zur Gründungsdirektorin der internationalen VERBUND COLLECTION in Wien ernannt. Sie legte einen wichtigen Schwerpunkt auf feministische Kunst der 1970er Jahre. Sie prägte den Begriff „Feministische Avantgarde“ und etablierte ihn im kunsthistorischen Diskurs, um die wegweisende Rolle dieser Künstlerinnen hervorzuheben. Die Sammlung hat zwei weitere Schwerpunkte: „Die Wahrnehmung von Räumen und Orten“ sowie „Geschlecht, Identität und Vielfalt“. Schor veröffentlichte u.a. die ersten Monografien über die österreichischen Künstlerinnen Birgit Jürgenssen und Renate Bertlmann sowie Monografien über Francesca Woodman, ORLAN und Louise Lawler. Ausserdem arbeitete Schor drei Jahre lang mit Cindy Sherman an deren Werkverzeichnis ihrer frühen Werke und veröffentlichte das Kompendium ‚Feministische Avantgarde‘. Die jüngste von Schorr kuratierte Ausstellung war „Care Matters“ in der Albertina, Wien (2026).

Natascha Burger studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien, an der Universität Münster und der Aix-Marseille University. Seit 2009 ist sie Geschäftsführerin des Estate Birgit Jürgenssen, dort verantwortlich für das gesamte Archiv, sowie Leiterin der Galerie Hubert Winter in Wien. Zuvor arbeitete Burger in diversen Galerien für zeitgenössische Kunst, sowie als Mitarbeiterin in der Plakatsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. 2018 gab sie die Publikation „Birgit Jürgenssen. Ich bin.“ (gemeinsam mit Nicole Fritz) heraus, und war Co-Kuratorin der gleichnamigen Einzelausstellung in der Kunsthalle Tübingen, Deutschland, dem GAMeC Bergamo, Italien, dem Louisiana Museum in Dänemark und der Weserburg in Bremen, Deutschland. Burger hat an diversen Publikationen mitgewirkt, sowie Beiträge für verschiedene Kataloge und Kunstmagazine geschrieben.

International press:

Sutton Comms, London

Sara Kietzmann: sara@suttoncomms.com