Muzeum Susch

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AUSSTELLUNG

Birgit Jürgenssen:

Rupture

Kuratiert von Gabriele Schor

Co-Kuratorin Natascha Burger



12. Dezember 2026 – 10. Mai 2027


OFFIZIELLE ERÖFFNUNG: 12. DEZEMBER 2026
15:00–19:00 UHR

Birgit Jürgenssen, Ohne Titel, 1976, S/W-Fotografie, 12,6 x 9,1 cm. Privatsammlung, Wien © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Birgit Jürgenssen, Ohne Titel, 1976, S/W-Fotografie, 12,6 x 9,1 cm. Privatsammlung, Wien © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.

Sei sehr kreativ, verweigere deine Rolle

Birgit Jürgenssen

Mit einer umfassenden posthumen Retrospektive von Birgit Jürgenssen (1949–2003) präsentiert das Muzeum Susch die erste Ausstellung der österreichischen Avantgarde-Künstlerin in der Schweiz und eröffnet Einblicke in ein vielschichtiges, visionäres Werk aus vier Jahrzehnten.

Jürgenssen gehörte zu jenen herausragenden Künstlerinnen, die seit den 1970er-Jahren starre Stereotype hinterfragten, kulturelle Konstrukte dekonstruierten und mit scharfsinniger Intelligenz auf die gesellschaftlichen Debatten ihrer Zeit reagierten. «Sei sehr kreativ, verweigere deine Rolle» war einer ihrer Leitsätze. Obwohl sie bereits im Alter von vierundfünfzig Jahren starb, hinterliess sie ein erstaunlich dichtes Œuvre, das von unablässigem Denken und Schaffen zeugt.

Birgit Jürgenssen in ihrem Atelier, 1977/78, S/W-Fotografie, 18 x 24 cm © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Birgit Jürgenssen in ihrem Atelier, 1977/78, S/W-Fotografie, 18 x 24 cm © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.

Jürgenssens Verwandlungsgabe und ihr subversiver Humor durchziehen Arbeiten, die Fragen nach Identität, Maskerade, gesellschaftlich geprägten Geschlechterverhältnissen und menschlicher Intimität untersuchen. Ihre wiederkehrenden Metamorphosen und vielfältigen Verwandlungen knüpfen an die surrealistische Faszination für die Verschiebung der Grenze zwischen Mensch und Tier an. Sie spiegeln sowohl ihre tiefe Naturverbundenheit als auch ihr beharrliches Streben wider, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Dieses facettenreiche Œuvre entzieht sich einer eindeutigen Zuordnung zu traditionellen Kunstgattungen. Statt eine unverwechselbare künstlerische Handschrift zu kultivieren, bestand Jürgenssen auf der Freiheit, jenseits akademischer Regeln und etablierter Bildkonventionen zu experimentieren, ohne sich selbst oder ihre Kunst einzugrenzen. Ihre eigenständige Praxis umfasst eine aussergewöhnliche Vielfalt an Zeichnungen und experimentellen Fotografien. Auch Malerei, Skulptur und Video wurden zu wesentlichen Medien, mit denen sie ihrer unerschöpflichen Vorstellungskraft Gestalt verlieh.

Birgit Jürgenssen, Ohne Titel, 1978, Bleistift und Farbstift auf Papier, 92 x 122 cm. Sammlung Grażyna Kulczyk © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Birgit Jürgenssen, Ohne Titel, 1978, Bleistift und Farbstift auf Papier, 92 x 122 cm. Sammlung Grażyna Kulczyk © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.

Die Kamera – ihre ständige Begleiterin und bis an ihr Lebensende ihr wichtigstes Ausdrucksmittel – ermöglichte Jürgenssen nach innen wie nach aussen gerichtete Reflexionen über «den Blick und das Unsichtbare», wie sie es selbst beschrieb. In ihrem gesamten Werk wurde der weibliche Körper, häufig ihr eigener, zugleich zum Bild und zur Projektionsfläche: fragmentiert, fetischisiert und immer wieder neu entworfen. Das Ringen um die Befreiung von starren Stereotypen fand in ihren filigranen Zeichnungen ebenso Ausdruck wie in ihren provokanten Fotoserien. Stets vor und hinter der Kamera agierend, war Jürgenssen zugleich Beobachterin und Beobachtete.

Birgit Jürgenssen, Hausfrauen-Küchenschürze, 1975, S/W-Fotografien, Diptychon, je 39,3 x 27,5 cm. SAMMLUNG VERBUND, Wien © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Birgit Jürgenssen, Hausfrauen-Küchenschürze, 1975, S/W-Fotografien, Diptychon, je 39,3 x 27,5 cm. SAMMLUNG VERBUND, Wien © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.

Eine bemerkenswerte Werkgruppe aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren bezeichnete die Künstlerin als ihre Stoffarbeiten – einen traumartigen Zyklus bildnerischer Erfindungen. Fotografien, Solarisationen und Mehrfachbelichtungen wurden zu filmischen Sequenzen zusammengefügt und mit Gaze verhüllt. So entstanden verführerische Kompendien, die ihre eigenen Geheimnisse verbargen. Wie so oft in Jürgenssens Werk lenkten sie den Blick um und stellten zugleich den Akt des Sehens selbst infrage. Diese komplexen fotografischen Arbeiten offenbaren ihre intensive Auseinandersetzung mit Konstruktivismus und Formalismus ebenso wie mit surrealistischer Ikonografie und experimentellen Verfahren. Unberechenbar und zugleich von tiefem Wissen geprägt, bewegte sich Jürgenssen mit einer scheinbaren Leichtigkeit durch ihre Zeit, hinter der sich die radikale Kraft eines Œuvres verbarg, dessen Dringlichkeit bis heute unmittelbar gegenwärtig ist.

Birgit Jürgenssen, Ohne Titel (Pferd), 1973, Pappmaché, Haare, Tüll, Samtpolsterung, 61 x 65 x 16 cm. Sammlung Grażyna Kulczyk © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Birgit Jürgenssen, Ohne Titel (Pferd), 1973, Pappmaché, Haare, Tüll, Samtpolsterung, 61 x 65 x 16 cm. Sammlung Grażyna Kulczyk © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.

Die Retrospektive vereint rund 150 Werke, darunter zahlreiche selten oder bislang nie gezeigte Arbeiten. Statt einer streng chronologischen Erzählung zu folgen, entfaltet sich die Ausstellung in zwölf miteinander verbundenen, thematisch gegliederten Ausstellungsräumen. Im dynamischen Zusammenspiel von Ideen und Motiven werden Jürgenssens «wildes Denken», wie sie es nannte, und ihre «Kunst aus dem Zwischenbereich» erfahrbar. Dabei treten der Reichtum und die Heterogenität ihrer künstlerischen Praxis hervor.

Kuratiert von Gabriele Schor (Gründungsdirektorin der SAMMLUNG VERBUND, Wien) und co-kuratiert von Natascha Burger (Direktorin des Estate Birgit Jürgenssen, Wien), vereint die Ausstellung Werke aus der Sammlung der Muzeum-Susch-Gründerin Grażyna Kulczyk, der SAMMLUNG VERBUND, Wien, dem Estate Birgit Jürgenssen sowie von privaten Leihgebern.

Die Ausstellung wird von einer umfangreichen gleichnamigen Publikation begleitet, die bei Hatje Cantz erscheint und Beiträge von Christian Alandete, Natascha Burger, Raphael Gygax, Fumina Hamasaki, Stefanie Hessler, Grażyna Kulczyk, Marta Papini, Gabriele Schor und Agnieszka Sosnowska enthält.

Birgit Jürgenssen, Schwangerer Schuh, 1976, Leder, Holz, Tüll, Spitze, 25 x 10 x 18 cm © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.
Birgit Jürgenssen, Schwangerer Schuh, 1976, Leder, Holz, Tüll, Spitze, 25 x 10 x 18 cm © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht Wien, 2026; Courtesy Galerie Hubert Winter.

Birgit Jürgenssen (1949–2003) wurde 1949 in Wien geboren. Bereits im Alter von acht Jahren verband sie in einem Schulheft ihren Namen mit dem des spanischen Meisters zu «BICASSO Jürgenssen»; 1963 begann sie zu fotografieren. Nach ihrer Matura 1967 verbrachte Jürgenssen mehrere Monate in Paris. Anschliessend wurde sie in die Meisterklasse für Grafik von Prof. Franz Herberth an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien aufgenommen, wo sie 1971 ihr Studium abschloss. 1975 nahm sie an der von VALIE EXPORT kuratierten Ausstellung «MAGNA – Feminismus, Kunst und Kreativität» teil. Drei Jahre später präsentierte die Künstlerin mit «Lineaturen» ihre erste institutionelle Einzelausstellung in der Albertina in Wien. 1981 eröffnete «10 Tage 100 Fotos», ihre erste Ausstellung in der Galerie Hubert Winter, die den Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit markierte. Ein Jahr später begann Birgit Jürgenssen ihre Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenden Künste in der Meisterklasse von Arnulf Rainer. Dort baute sie den Bereich Fotografie auf und unterrichtete bis an ihr Lebensende. Im Laufe ihrer mehr als vierzigjährigen künstlerischen Laufbahn nahm Birgit Jürgenssen an zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen teil, darunter die Retrospektive «Früher oder Später» 1998 am Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz. Zudem kuratierte sie den österreichischen Beitrag zur 8. Internationalen Biennale in Kairo. Birgit Jürgenssen starb am 25. September 2003 in Wien.

Gabriele Schor studierte Philosophie an der Universität Wien und an der University of California in San Diego. Sie arbeitete an der Tate Gallery in London, war Kunstkorrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung und lehrte Kunstkritik an österreichischen Universitäten. 2004 wurde Gabriele Schor zur Gründungsdirektorin der internationalen SAMMLUNG VERBUND in Wien ernannt. Sie etablierte einen bedeutenden Sammlungsschwerpunkt zur feministischen Kunst der 1970er-Jahre. Um die Pionierleistung dieser Künstlerinnen hervorzuheben, prägte sie den Begriff «Feministische Avantgarde» und verankerte ihn im kunsthistorischen Diskurs. Zwei weitere Schwerpunkte der Sammlung sind «Die Wahrnehmung von Räumen und Orten» sowie «Gender, Identität und Diversität». Schor veröffentlichte unter anderem die ersten Monografien zu den österreichischen Künstlerinnen Birgit Jürgenssen und Renate Bertlmann sowie Monografien zu Francesca Woodman, ORLAN und Louise Lawler. Zudem arbeitete sie drei Jahre lang mit Cindy Sherman am Werkverzeichnis ihrer frühen Arbeiten und veröffentlichte das Kompendium «Feministische Avantgarde». Zuletzt kuratierte sie die Ausstellung «Care Matters» in der Albertina in Wien (2026).

Natascha Burger studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien, der Universität Münster und der Aix-Marseille Université. Seit 2009 ist sie Geschäftsführerin des Estate Birgit Jürgenssen, wo sie das gesamte Archiv verantwortet, sowie Senior Director der Galerie Hubert Winter in Wien. Zuvor war sie in verschiedenen auf zeitgenössische Kunst spezialisierten Galerien und in der Plakatsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien tätig. 2018 war sie gemeinsam mit Nicole Fritz Mitherausgeberin der Publikation «Birgit Jürgenssen. Ich bin.» und Co-Kuratorin der gleichnamigen Einzelausstellung, die in der Kunsthalle Tübingen, der GAMeC in Bergamo, im Louisiana Museum in Dänemark und in der Weserburg in Bremen gezeigt wurde. Burger hat an zahlreichen Publikationen mitgewirkt und Beiträge für verschiedene Kataloge und Kunstzeitschriften verfasst.

Internationale Presse:

Sutton Comms, London

Sara Kietzmann: sara@suttoncomms.com